Vom trägen Karpfen zum schillernden, ruhigem Fisch

Der Fisch öffnet den Brustkorb. Er lässt Dich tief atmen, hilft gegen verspannte Schulter- und Rückenmuskeln und stärkt Deinen oberen Rücken. Er öffnet aber auch Dein Herz, lässt Dich Liebe geben und empfangen.

Emotionale Spannungen, die sich oft um das Herz legen, können abgebaut werden. Der Fisch gibt Dir ein Gefühl der Freiheit, Offenheit und der Freude. Eine wunderbare Asana. Wie alle natürlich 😉 In einem Online Seminar, das ich am letzten Wochenende mitmachte, ging ich, mithilfe dieser Übung, auf eine spannende Reise.

Meine Yogalehrerausbildung neigt sich dem Ende. Meine praktische Prüfung habe ich Ende November bereits erfolgreich hinter mich gebracht, im Februar würde nun der krönende Abschluss mit Theorieprüfung und Zeremonie folgen. Ob es tatsächlich so stattfinden kann steht gerade in den Sternen aber das ist ein anderes Thema. Zurück zur Ausbildung: Weil sich bei mir im Laufe dieser zweijährigen Ausbildung ich ein paar Fehlzeiten eingeschlichen haben, sollte ich mir ein zusätzliches Seminar aussuchen, welches ich vor der Theorieprüfung noch (online) besuchen sollte.

Das Seminar war schnell gefunden.

„Selbstreflexion und psychologische Arbeit mit Hatha Yoga“ sprang es mir sofort ins Auge. Die „psychologische Arbeit“ war es ja schließlich auch, die mich überhaupt erst auf den Yoga-Weg brachte.

Ich startete am Freitag, wie auch im Ashram üblich, mit der Ankommensyogastunde, welche live per YouTube gestreamt wurde. Es folgte der ebenfalls gestreamte allgemeine Satsang. Um 21 Uhr startete „mein“ Seminar, erstaunlicherweise erst einmal mit einer Vorstellungsrunde der ca 15 Teilnehmer. Das hat mich im ersten Moment überrascht, sorgte aber, zumindest bei mir, für ein sofortiges Gemeinschafts- und Gruppengefühl statt einem „Jeder sitzt halt so für sich vor dem Computer“-Zustand. Die Seminarleitung sprach kurz über den Ablauf des Wochenendes- das sollte es fürs Erste gewesen sein.

Am Samstag kroch ich um halb sieben, noch bevor mein Wecker klingelte, aus den Federn. Dieses Phänomen beobachtete ich in den letzten Monaten auch häufig im Ashram. Schnell frisch gemacht, den Computer gestartet und um 7 Uhr Antritt zur Morgenmeditation und Satsang. Nichts aufregendes. Auch der anschließende Vortrag war eher schläfrig. Das Seminar war nicht ausschließlich für Yogalehrer gedacht sondern auch für ganz „normale“, am Thema Interessierte. So wurde am Samstagvormittag von Dingen gesprochen, die ich schon von der Ausbildung her kannte und verinnerlicht hatte. Nicht mal als „gute Wiederholung“ konnte ich es ansehen denn ich habe genau diese Dinge schon so „drin“, dass ich sie morgens um 3 Uhr nach unsanftem Wecken aufzählen könnte.

Mein Körper weckte mich genau dann, wenn es Zeit war.

Die Samstagnachmittag-Praxis war es dann aber, die es in sich hatte. Intensives Pranayama und mehrmaliges Wiederholen vom besagten Fisch wurde angekündigt. Ganze 5 Mal schickte uns die Seminarleitung in diese Asana und meine kleine Reise sollte beginnen.

In die erste Runde startete ich ganz klassisch. Lehrbuchmäßig baute ich die Position auf aber schnell stach es mir in der linken Leiste. Wie passend die Anmerkung wir sollten erst einmal rein auf unseren Körper achten. Nachdem wir angeleitet wurden die Asana zu verlassen, sollte ein jeder notieren was er wahrnehmen konnte. Während die meisten schon in die zweite Runde gingen, musste ich noch ein Weilchen den Schmerz veratmen. Ich schob es auf die Schwangerschaft. Im Vergleich (welche ich übrigens nur in sehr seltenen Fällen gut finde 😉 ) zu meiner ersten Schwangerschaft, bin ich diesmal doch ein bisschen wehleidig und habe einige physische Problemchen.

Aber ich nahm mir die Zeit und startete dann in die zweite Runde. Diesmal die sanftere Variante. Unterstützt mit einem Kissen.

„Wie siehst Du als Fisch aus?“

Ach herrje… okay… mal sehen was da kommt. In meinen Gedanken ploppte ein grau-brauner träger Fisch auf. Er bewegte sich wenig, war antriebslos, voller Langeweile und absolut demotiviert. In einer schlammigen, dunklen Plörre „schwamm“ ich da hin- wenn man es denn schwimmen nennen konnte. Ein Karpfen, dachte ich. Aber ein wenig später, dem langen Halten der Asana sei Dank, verwandelte sich mein Fisch in ein Art Dorie aus dem bekannten Pixar Fischabenteuer. Ich bekam Farbe, wurde etwas unruhig, aufgeregt und flitzte umher. Schillernd, springend, freudevoll, spaß-habend, schlank, dynamisch. Wieder sollten wir die Position verlassen und unsere Gedanken dazu notieren.

Runde 3: „Bewegst Du Dich? Wenn ja, wohin? Hast Du ein Ziel?“ Ui… das war jetzt aber ein harter Brocken für mich. Bewege ich mich? Hilfe, nein, ich bewege mich nicht. Aber ich sollte mich doch bewegen! Wirklich? Muss ich mich bewegen? Vielleicht muss ich das gar nicht. Nein, ich bewege mich tatsächlich nur sehr wenig. Ich bin eher auf der Stelle. Aber je länger ich hier verweile, desto okayer ist das. Ich glaube, ich brauche mich doch gar nicht bewegen. Dabei bewegt sich in mir jede Menge. Eine Aufregung, eine Vorfreude, ein bisschen Unruhe… bezogen auf die kommende Geburt? Mein Baby bewegt sich währenddessen auf jeden Fall fleißig.

Runde 4: „Was siehst Du? Was kannst Du durch Deine Fischaugen erkennen? Wie sieht das Wasser aus, in dem Du Dich befindest? Sind da noch andere Lebewesen, andere Fisch?“

„Haaallloooo?“, fragte mein geistiges Fisch-Ich. Keine Antwort. Da war niemand. Das Wasser in dem ich schwamm war klar und hell. Offensichtlich war ich nicht allzu tief unterwegs in meinem Gedanken-Ozean. Die Sonne ließ mein Wasser strahlen. Aber da war nichts anderes. Keine anderen Fische. Aber ich fühlte mich nicht unbehaglich. Ich war alleine und es war ok. Mein Ozean machte sanfte Wellen…

… und ich ließ mich treiben. Ganz entspannt.

Nach der vierten Runde durfte jeder Teilnehmer ein einzelnes Wort nennen, das ihm spontan in den Sinn kam. Ich wurde als Erste „aufgerufen“, konnte somit gar nicht lange überlegen und es schoss das Wort „strahlend“ aus mir heraus. Hä? Echt? Na ok.

Letzte Runde: „Was ist da jetzt? Was sind da für Gedanken und Gefühle? Lass alles zu und beobachte. Vielleicht ist da eine Traurigkeit, dann lass sie zu. Vielleicht laufen ein paar Tränen… alles ist ok, was jetzt passiert“

Aber da waren keine Tränen.

Komisch. Die „Depressive“ in mir war verwirrt. „Also typisch wären da jetzt schon Tränen“.

Stattdessen war da totale Ruhe und Frieden. Wow. Die aufgeregte Dorie war von einem friedlichen, in sich ruhenden Fisch verdrängt worden. Ich war strahlend, schön und ruhig.

Zum Abschluss der Yogastunde notierte ich mir:

Hör auf zu schwimmen. Gib dich den Wellen hin, lass dich treiben.

Mal sehen was es in den nächsten Tagen noch so mit mir macht 🙂

Om Shanti

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